Regie: Ajrun Talwar


Arjun Talwar kam vor etwa einem Dutzend Jahren aus Indien nach Polen. Überredet von einem Freund, der wie er vom polnischen Kino fasziniert war, beschloss er, an der Filmhochschule Łódź zu studieren und ließ sich später in der Wilcza-Straße in Warschau nieder. In seinem Film „Briefe aus der Wilcza“ porträtiert er die Welt ihrer Bewohner. Das verbindende Element seiner Figuren ist der Postbote Piotr, ein freundlicher Gesprächspartner, der jeden kennt und nicht nur Briefe, sondern auch Anekdoten und freundliche Worte überbringt. In Talwars Dokumentarfilm zeigt sich die Wilcza-Straße auch als eine internationale Gemeinschaft, die in Warschau ihren Platz gefunden hat.
Der Regisseur lud seine Studienkollegin Mo Tan, eine chinesische Tonmeisterin zur Mitarbeit an dem Film ein, die ihm nicht nur dabei geholfen hat den Film zu realisieren, sondern ihm auch ihre Orte in Warschau zeigte. Feras, ein Syrer, ist sein Nachbar, und Oskar, ein polnischer Roma, den er zufällig trifft, überzeugt ihn von ihren gemeinsamen indischen Wurzeln und lädt ihn zu seiner Hochzeit ein. Die vertraute Atmosphäre der Straße verändert sich jedoch gleich um die Ecke, wo sich Ereignisse abspielen, die die mediale Aufmerksamkeit weit über Polen hinaus auf sich ziehen. Wie Paweł Łoziński in seinem „Balkonfilm”, der mit „Briefe aus der Wilcza“ verglichen wurde, kommentiert auch Ajrun Talwar den Unabhängigkeitsmarsch und offenbart die Heterogenität der Gemeinschaft. Wir sehen rechtsradikale Nationalisten, konservative Familien mit Kindern und patriotische Jugendliche, die gemeinsam mit dem Regisseur die polnische Flagge schwenken. Seine Aufnahmen wirken nicht wie eine Reportage über einen polnischen Nationalfeiertag, sondern eher wie eine private, intime Filmdokumentation.
„Briefe aus der Wilcza“ ist ein Porträt des heutigen Europas, aber auch Polens, das oft als unfreundlich, fremdenfeindlich und konservativ wahrgenommen wird. Durch die Linse des Regisseurs sehen wir ein sensibles und humorvolles Bild – gezeichnet aus der ungewöhnlichen Perspektive eines Immigranten, der dieses Land zu seiner zweiten Heimat gemacht hat.
Festivalvorführungen und Auszeichnungen: Berlinale 2025 (Panorama Dokumente), Kopenhagen 2025 (CPH:DOX), Belgrad 2025 (Beldocs), Warschau 2025 (Millenium Docs Against Gravity), Zittau 2025 (Neisse Film Festival – Publikumspreis), Krakau 2025 (Krakow Film Festival), Schwerin 2025 (Filmkunstfest – Bester Dokumentarfilm), Cluj-Napoca 2025 (Transsilvania IFF), Osnabrück 2025 (Filmfest), Amsterdam 2025 (IDFA – Best of Fest-Sektion)
Polen, Deutschland, 2025, 97 Min.
Regie und Kamera: Ajrun Talwar
Drehbuch: Ajrun Talwar, Bigna Tomaschin
Darsteller: Piotr Chadryś, Mo Tan, Feras Daboul, Barbara Goettgens, Oskar Paczkowski